Toyota schockt Ferrari beim WEC‑Auftakt in Imola: Premierensieg für den TR010, Drama in der LMGT3 mit einem geplatzten Debüt‑Traum.
Toyota Gazoo Racing erwischt den Einstand des neuen TR010 nahezu perfekt. Beim 100. WEC‑Start der Marke holt das Fahrzeug #8 (Brendon Hartley, Ryō Hirakawa und Sébastien Buemi) den 50. Toyota-Sieg – und das ausgerechnet im Wohnzimmer von Ferrari. Auf einer Strecke, auf der Überholen traditionell schwierig ist, waren Toyota und Ferrari auf eine Runde praktisch gleich schnell. Am Ende gab aber eine mutige und konsequent durchgezogene Boxenstrategie den Ausschlag.
Den Ton bestimmte zunächst Ferrari. James Calado in der #51 verteidigte die Pole gleich von Beginn an. Miguel Molina sortierte Ferrari #50 dahinter ein und die Tifosi auf den vollen Tribünen in Imola bekamen früh das erhoffte Rot‑Rot an der Spitze. Hartley fiel am Start zunächst auf Rang drei zurück, konterte aber schon im ersten Boxenfenster und schnappte sich die #50 mit einer starken Outlap und sauberem Stoppverlauf.

Die Strategie entscheidet das Rennen für Toyota
Der eigentliche Stich ins Ferrari‑Konzept folgte im zweiten Service. Toyota ließ am Wagen #8 die Reifen drauf, schickte Ryō Hirakawa mit gebrauchten Pneus zurück auf die Strecke und der Japaner kam vor Alessandro Pier Guidi in der #51 wieder raus. Entscheidend: Kurz nach Abschluss dieses Stopps rückte die Rennleitung das Feld mit einer Virtual‑Safety‑Car‑Phase ein.
Toyota konnte so noch einmal ohne Zeitverlust frische Reifen nachlegen, während Ferrari auf der Strecke bleiben musste – ein doppelter strategischer Wirkungstreffer, der dem #8 nicht nur die Führung, sondern auch den Reifenvorteil in der Mitte des Rennens sicherte. Pier Guidi blieb Hirakawa im Mittelstint zwar permanent im Rückspiegel, fand aber auf der schmalen Linie von Imola keinen Weg vorbei.
Am Ende blieb Toyota unangefochten an der Spitze und entschied den Saisonauftakt für sich. Ferrari schaffte es trotz zahlreicher Mühen im letzten Renndrittel nicht wieder nach vorn. Hinter der siegreichen Nummer 8 komplettieren Kobayashi, Conway und de Vries im #7 das Toyota‑Podium mit Rang drei. Als beste Verfolger sichern sich Antonio Giovinazzi, James Calado und Alessandro Pier Guidi im Ferrari #51 den zweiten Platz und.

Alpine stark, Genesis überrascht
Im vorderen Mittelfeld meldet sich Alpine mit einem sauber gefahrenen Rennen zurück in der erweiterten Spitzengruppe. António Félix da Costa, Charles Milesi und Ferdinand Habsburg bringen den A424 #35 auf Platz vier nach Hause. Kein Schlaglichtmoment, aber ein wertvoller Formcheck, der zeigt, dass das französische Paket auf eine Renndistanz konkurrenzfähig ist. Rang fünf geht an den BMW #20, der sich im dichten Verkehr der Schlussphase unter anderem gegen den starken Ferrari #50 behaupten konnte.
Der zweite Ferrari hingegen rettet sich nach einer frühen Drive‑Through wegen eines Gelbverstoßes auf Platz sechs. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass der identisch bestrafte Cadillac #12 am Ende nur als 13. gewertet wird. Dahinter folgen der zweite BMW (#15), der Cadillac #38 sowie der Aston Martin #007 und der AF Corse Ferrari #83, welche die Top‑10 komplettieren.
Peugeot erlebt hingegen einen herben Realitätsschock. Die starke Qualifying‑Vorstellung der #94 lässt sich im Rennen nicht ansatzweise bestätigen. Am Ende steht statt Kampf ums Podium nur Rang zwölf auf dem Tableau. Der Schwesterwagen #93 fällt nach einem Ausrutscher von Neuzugang Nick Cassidy direkt nach einem Stopp weit zurück. Positiv überrascht hingegen Genesis Magma Racing. Der neue GMR‑001 mit der #17 hält sich lange in den Top‑10, bevor er als 15. gewertet wird. Die #19 kämpft sich nach einem Sensorproblem und frühem Boxenstopp noch auf Platz 17 in der Hypercar‑Klasse.

LMGT3: WRT profitiert vom McLaren‑Drama
In der LMGT3‑Klasse erzählt Imola eine dieser Geschichten, die Langstreckenrennen prägen: Lange alles im Griff, dann ein Defekt – und der sicher geglaubte Sieg ist weg. Für Garage 59 hätte das WEC‑Debüt mit dem McLaren #10 kaum besser beginnen können. Tom Fleming setzt das Auto am Samstag sensationell auf die Pole. Auch zu Rennbeginn behauptet sich das Trio Au, Fleming und Kirchhöfer konstant an der Spitze.
Den scheinbar entscheidenden Moment setzt Fleming zu Beginn der vorletzten Stunde, als er sich nach einem Stintlange Duell in Tamburello an der TF‑Sport‑Corvette von Jonny Edgar vorbeibremst. Kirchhöfer übernimmt mit frischeren Reifen, kontrolliert das Tempo und hat 35 Minuten vor Schluss einen komfortablen Vorsprung – bis ein elektrisches Problem den McLaren auf der Start‑/Zielgeraden schlagartig einbremst. Vom Traum‑Debüt bleibt zunächst nur die bittere Erkenntnis, dass selbst eine perfekte Strategie technisch nicht abgesichert ist.

Die Nutznießer sitzen im BMW #69: Anthony McIntosh, Parker Thompson und Dan Harper hatten sich von Beginn an im Vorderfeld festgebissen und profitieren nun vom Pech der Konkurrenz. Harper übernimmt für den Schlussstint, dicht verfolgt durch Nicky Catsburg in der TF Sport Corvette #33. Catsburg reduziert den Rückstand von sechs auf zwei Sekunden und startet in der letzten Runde einen finalen Angriff, doch Harper hält dem Druck stand und bringt den BMW mit 0,265 Sekunden Vorsprung ins Ziel.
Porsche stark, Lexus im Pech
Hinter dem siegreichen BMW und der knapp geschlagenen Corvette komplettiert der „The Bend“ Manthey Porsche das Podium. Yasser Shahin, Riccardo Pera und Richard Lietz fingen sich früh im Rennen einen Dreher ein, arbeiteten sich aber mit sauberer Pace und cleveren Stopps wieder nach vorne. Dahinter landet die Schwester‑Crew im DK‑Engineering Porsche #91 vor dem BMW #32 und dem AF Corse Ferrari #21.
Der Ford Mustang #88, der zu Rennbeginn überraschend lange an der Spitze mitmischt, fällt in der Schlussphase noch auf Rang sieben zurück. Garage 59 schickt den reparierten #10 McLaren nach einem langen Stopp in der Box immerhin noch einmal für die letzte Runde auf die Strecke und sichert so Platz 13 in der Klasse – ein kleines Trostpflaster nach dem geplatzten Siegtraum.

Für Akkodis ASP wird Imola zum frühen Tiefpunkt. Beide Lexus, obwohl aus den Startreihen zwei und drei gestartet, werden kurz nach dem ersten Boxenstopp von augenscheinlich ähnlichen Getriebeproblemen getroffen. Die #87 muss direkt an der Strecke abgestellt werden, die #78 kehrt nach längerer Reparatur zwar noch ins Rennen zurück, spielt im Klassement aber keine Rolle mehr.
Mit Imola hat die WEC damit gleich zum Auftakt den Ton gesetzt: Die Hypercar‑Spitze ist enger denn je, Strategieentscheidungen unter Gelb oder VSC können Rennen gewinnen – oder verlieren – und in der LMGT3 reicht eine einzige elektrische Komponente, um aus einem sicheren Sieg eine bittere Fußnote in der Ergebnisliste zu machen. Die vollständigen Rennergebnisse gibt es hier.
Bilder © Endurance Archive

