„Der Lotus Evora GTE gehört auf die Rennstrecke“ – Wolfgang Henseler über die Rückkehr eines Le-Mans-Unikats

Der Lotus Evora GTE ist eines der außergewöhnlichsten GT-Fahrzeuge der modernen Langstrecken-Geschichte. 2011 in Rekordzeit für den International Le Mans Cup entwickelt, startete Chassis #1 bei den 24 Stunden von Le Mans und verschwand anschließend aus dem europäischen Motorsport. Heute sorgt Prof. Wolfgang Henseler dafür, dass der seltene Rennwagen wieder dort fährt, wo er hingehört: auf den legendärsten Strecken der Welt. Im Gespräch erzählt er von der bewegten Geschichte des Autos, den Herausforderungen bei der Wiederinbetriebnahme und den ersten Rennen in der Legends of Le Mans-Serie.

Herr Henseler, wie sind Sie überhaupt zu diesem besonderen Lotus Evora GTE gekommen?

Das war tatsächlich eine längere Geschichte. Nach seiner aktiven Karriere bei Lotus und später Alex Job Racing in der American Le Mans Series stand das Fahrzeug viele Jahre bei einem Händler in den USA. Über Komo-Tec ergab sich schließlich 2021 die Möglichkeit, das Auto zu erwerben. Für mich war sofort klar, dass dieses Fahrzeug etwas Besonderes ist. Es handelt sich um Chassis Nummer 1 der beiden 2011 in Le Mans eingesetzten Lotus Evora GTE.

Was macht den Evora GTE so einzigartig?

Viele denken zunächst, es sei einfach ein umgebauter Lotus Evora. Tatsächlich wurde das Fahrzeug 2011 in nur vier Monaten komplett neu entwickelt. Bis auf das Grundchassis hat praktisch nichts mehr mit dem Serienfahrzeug zu tun. Aerodynamik, Fahrwerk, Elektronik, Karosserie und Antrieb wurden speziell für den GTE-Einsatz entwickelt. Die komplette Karosserie besteht aus Carbon, angetrieben wird das Auto von einem auf Toyota-Basis aufgebauten und von Cosworth weiterentwickelten V6-Saugmotor. Das Ergebnis ist ein faszinierendes Rennfahrzeug mit einem wirklich brachialen Klang.

Das Auto startete 2011 bei den 24 Stunden von Le Mans. Welche Rolle spielte es damals?

Lotus trat damals gemeinsam mit dem österreichischen Team Jet Alliance im International Le Mans Cup an. Unser Auto trug die Startnummer 64. Leider endete das Rennen durch einen Felgenschaden und den daraus resultierenden Unfall in den Morgenstunden vorzeitig. Das Schwesterfahrzeug mit der Nummer 65 erreichte jedoch das Ziel und belegte Platz sieben in der GTE-Klasse. Angesichts der extrem kurzen Entwicklungszeit war das ein bemerkenswerter Erfolg.

Nach dem Kauf stand das Auto zunächst einige Jahre still. Warum dauerte die Rückkehr auf die Rennstrecke so lange?

Wir haben das Fahrzeug nach der Ankunft zunächst technisch überprüft, den Motor auf dem Prüfstand abgestimmt und erste Rollouts in Hockenheim und am Nürburgring absolviert. Das eigentliche Problem war jedoch, eine passende Rennserie zu finden. Für ein ehemaliges GTE-Fahrzeug dieser Generation gab es lange Zeit keine wirklich geeignete Plattform. Deshalb stand der Lotus sogar in der „100 Jahre Le Mans“-Ausstellung im Technik Museum Sinsheim. Erst mit der Einführung der Legends of Le Mans-Serie durch Peter Auto ergab sich endlich die Gelegenheit, das Auto wieder artgerecht einzusetzen.

Wie aufwendig war es, den Lotus wieder rennbereit zu machen?

Deutlich aufwendiger als erwartet. Wir mussten feststellen, dass unglaublich viele Details überarbeitet werden mussten. Das Team von Komo-Tec um Daniel Koblitschek hat praktisch Tag und Nacht gearbeitet, um das Auto rechtzeitig für die ersten Testtage in Paul Ricard vorzubereiten. Diese beiden Testtage waren enorm wichtig, um Daten zu sammeln und die Technik wieder unter Rennbedingungen zu erproben.

Das erste Rennwochenende führte Sie nach Imola. Wie war das Comeback?

Für mich persönlich war es gleich eine doppelte Herausforderung, weil ich die Strecke noch nie gefahren war. Gleichzeitig war es der erste Renneinsatz des Lotus seit 2012. Schon in den Trainings wurde deutlich, wie groß die Geschwindigkeitsunterschiede zwischen unserem GTE-Fahrzeug und den modernen LMP1- und LMP2-Prototypen sind.

Im Rennen selbst hatten wir einige spannende Momente. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein beinahe schwerer Unfall im Training, als sich ein Peugeot LMP1 unmittelbar vor meinem Auto drehte. Im zweiten Rennen wurden wir dann sogar noch vor dem Start von einem LMP2-Fahrzeug getroffen. Dank des großartigen Einsatzes meines Teams konnten wir trotzdem starten.

Trotzdem sprang am Ende ein Podiumsplatz heraus.

Ja, das war für uns eine schöne Belohnung. Im ersten Rennen erreichten wir Platz zwei in der GTE-Klasse. Im zweiten Rennen lagen wir zeitweise sogar vor unserem direkten Konkurrenten, einem deutlich jüngeren Aston Martin Vantage GTE. Leider bekamen wir später Getriebeprobleme, konnten das Auto aber ins Ziel bringen. Insgesamt war Imola für uns ein sehr positives Wochenende.

Besonders bemerkenswert scheint die Resonanz aus dem damaligen Lotus-Umfeld gewesen zu sein.

Absolut. Das hat uns wirklich überrascht. In Imola besuchte uns plötzlich Nicola Scimeca von YCOM, der damals maßgeblich an der Entwicklung des Evora GTE beteiligt war. Kurz darauf kam auch Claudio Berro vorbei, der frühere Motorsportdirektor von Lotus. Seit wir das Auto wieder einsetzen, stehen wir mit vielen Personen von damals in Kontakt – von Lotus über Cosworth bis zu den ursprünglichen Entwicklungspartnern. Überall spüren wir große Begeisterung darüber, dass dieses Auto wieder fährt.

Auch vor Spa-Francorchamps blieb es nicht ruhig.

Leider nein. Nach Imola mussten wir feststellen, dass das Getriebe erheblich beschädigt war. Ersatzteile für ein derart seltenes Fahrzeug zu finden, ist heute alles andere als einfach. Glücklicherweise konnten wir auf die Unterstützung der National Motorsport Academy in Nottingham zurückgreifen, die mit dem Schwesterfahrzeug verbunden ist und noch über originale Ersatzteile verfügte. Dank eines großen Kraftakts war das Auto rechtzeitig für Spa wieder einsatzbereit.

Wie verlief das Wochenende in den Ardennen?

Zunächst sehr positiv. Das Auto funktionierte hervorragend und wir konnten die Performance Schritt für Schritt steigern. Im Qualifying lagen wir schließlich weniger als drei Sekunden hinter dem deutlich moderneren Aston Martin.

Im ersten Rennen brach allerdings ein Auspuffrohr, was weitere technische Probleme nach sich zog. Trotzdem schafften wir es ins Ziel. Über Nacht arbeitete das Team erneut bis in die frühen Morgenstunden, um das Auto für Rennen zwei vorzubereiten. Dort lief dann alles nach Plan und wir konnten erneut Platz zwei in der GTE-Klasse einfahren.

Nun steht mit der Le Mans Classic das Saisonhighlight bevor. Was bedeutet dieses Rennen für Sie?

Sehr viel. Le Mans ist schließlich die Heimat dieses Autos. Für die Veranstaltung möchten wir den Evora GTE möglichst originalgetreu in seinem blau-weißen Design von 2011 präsentieren. Wir haben dafür originale Karosserieteile beschafft, die derzeit vorbereitet und lackiert werden. Wenn alles klappt, wird das Auto optisch fast genauso aussehen wie bei seinem ursprünglichen Le-Mans-Einsatz.

Was fasziniert Sie an der Legends of Le Mans-Serie?

Die Serie trifft genau den Nerv der Fans. Man erlebt dort die großen Le-Mans-Jahrgänge der Jahre 2011 bis 2015 noch einmal live. Die Autos sind laut, schnell und spektakulär. Gleichzeitig findet alles im Rahmen der aktuellen FIA WEC statt. Diese Verbindung aus Historie und Gegenwart funktioniert hervorragend.

Abschließend: Was bedeutet Ihnen dieses Projekt persönlich?

Für mich geht ein Traum in Erfüllung. Ein Fahrzeug mit einer solchen Geschichte wieder auf die Rennstrecke zu bringen, ist etwas ganz Besonderes. Ohne die Unterstützung von Komo-Tec und vieler Enthusiasten wäre das nicht möglich gewesen. Der Lotus Evora GTE gehört nicht ins Museum – er gehört auf die Rennstrecke. Und genau dort wollen wir ihn auch in Zukunft zeigen.

Bilder © Endurance Archive (Walter Schruff)